25. Kapitel
Er lässt mich nicht mal in meine Wohnung zurück!«
Lea kam aufgebracht aus dem Bad von Adams Hotelsuite im Balmoral.
»Ach, er will dich doch nur beschützen«, entgegnete Liam. Er klang gar nicht mitfühlend. »Aber jetzt erzähl mal, was in Pitlochry alles los war! Wie habt ihr Marys Leiche gefunden?«
Lea nahm die Harvey-Nichols-Tüte, die Adam ihr mitgebracht hatte, zur Hand und schüttete den Inhalt aufs Bett. Sie wollte nicht an die letzten Tage denken. Weder an die Leichen, noch an Mary und am allerwenigsten an das, was sie heute Abend erwartete.
Wenn Liam erfuhr, dass sie vorhatte, als Köder für eine dubiose Sekte zu fungieren, dann würde er darauf bestehen mitzukommen. Und ihn und seine panischen Anweisungen konnte sie am allerwenigsten gebrauchen. Sie war schon nervös genug.
»Lea, erzählst du mir jetzt, was passiert ist, oder nicht?«, beschwerte er sich.
Gute Frage. Was war eigentlich passiert? Sie hatte, dumm wie sie war, eine Nacht mit einem Vampir verbracht. Der sie seitdem links liegen ließ. Ja, so könnte man die Geschehnisse zusammenfassen.
»Nur so viel, Liam: Ich bin heilfroh, wenn das alles vorbei ist und sie mir die Gehirnwäsche verpassen. Dann brauche ich mich wenigstens nicht mehr an all das zu erinnern«, sagte Lea bitter.
Sie hob den Deckel der Schachtel ab, schlug das Seidenpapier auseinander und schnappte nach Luft: Ein bodenlanges schwarzes Kleid mit handbestickten Strasssteinen funkelte ihr entgegen. Die Träger bestanden aus durchsichtiger Spitze. Bewundernd hob sie das Kleid hoch. Tiefer V-Ausschnitt vorne und am Rücken - es hatte gar keinen Rücken!
Liam stieß einen anerkennenden Pfiff aus. »Mann, der Typ hat echt Geschmack, das kann ich nur wiederholen!«
»Ach, halt die Klappe, und dreh dich um!«, sagte Lea böse. Rasch zog sie sich aus und schlüpfte in das Kleid, das sich, auch wenn sie's nur ungern zugab, herrlich an ihrer nackten Haut anfühlte. Musste dieser verdammte Vampir denn alles können? Sogar Kleider aussuchen?!
Es klopfte an der Schlafzimmertüre, und Lea zuckte zusammen. Aber es war ein sanftes Klopfen, gar nicht Adams Stil. Es musste ihr Babysitter sein.
»Ja, was gibt's, McLeod?«
McLeod begann prompt zu stammeln, als er sie in dem Kleid erblickte. Mit hervorquellenden Augen musterte er sie von Kopf bis Fuß.
Liam brach in Gelächter aus, und Lea ballte die Fäuste.
Wie oft hatte sie sich schon gewünscht, ihrem Freund eine pfeffern zu können?
»McLeod?«
Der Friedenshüter räusperte sich und lächelte entschuldigend. Dann reichte er ihr eine Schuhschachtel.
»Adam sagt, die brauchen Sie noch.«
Sie nahm die Schachtel und machte sie auf. Die schwarzen Christian LeBoutin-Schuhe waren ebenfalls mit Strasssteinen besetzt und hatten zehn Zentimeter hohe Absätze.
Sie passten perfekt zum Kleid.
»Arschloch«, murmelte Lea und schlüpfte in die Schuhe. Die natürlich perfekt passten, wie hätte es anders sein können.
»Danke, McLeod. Sie können Seiner Gnaden, dem Herzog, sagen, ich wäre dann so weit.«
McLeods kantige Gesichtszüge wurden weich. »Sie sind eine mutige Frau, Lea Donavan.«
Mensch, sie wusste ja, dass McLeod nur freundlich sein wollte, aber Liam durfte jetzt keinen Verdacht schöpfen, oder sie wurde ihn nie mehr los. »Ich muss nicht mutig sein, es gibt ja keinen Grund Angst zu haben, nicht wahr, McLeod?«
Der Vampir lächelte anerkennend. »Überhaupt nicht.
Kommen Sie, Agent Murray erwartet Sie bereits in der Lobby.«
»Danke.«
Lea schob sich an ihm vorbei, und gemeinsam gingen sie zum Aufzug. Lea versuchte dabei, nicht auf Liams Geschnatter zu hören. Der Geist erzählte ihr den neuesten Gespensterklatsch, aber sie hatte jetzt wirklich keine Lust sich das anzuhören.
»Sogar Old Grumpy hat dich vermisst, Lea. Mrs. McDonald schwört, sie hat gesehen, wie er gestern mehrmals zum Friedhofseingang rübergeschielt hat.«
»Ach ja?«
Sie waren unten in der Lobby angekommen. McLeod ließ Lea den Vortritt, und diese schritt mit klappernden Absätzen durch die weiträumige Lobby zur Rezeption, von woher sie bereits Adams Stimme hörte. Ihr Herz begann wie wild zu klopfen.
»Guck nicht so nervös«, flüsterte Liam ihr ins Ohr. »Keine Sorge, du wirst ihn umhauen.«
Sie schloss kurz die Augen. Was war bloß los mit ihr? Sie fürchtete sich nicht davor, zum ersten Mal als Fotografin X in Erscheinung zu treten und auch nicht davor, dass bewaffnete Killer hinter ihr her waren. Aber dass sie Adam gleich wiedersehen würde, brachte ihr Herz zum Rasen?
»Merkt man's denn so deutlich?«, fragte sie besorgt.
»I wo«, versicherte Liam, »ich kenne dich nur einfach sehr gut, Lea-Schätzchen.«
Zum ersten Mal seit einer langen Zeit musste Lea lächeln, richtig lächeln. So schlimm es auch sein mochte, einen Mann zu lieben, der sich nicht das Geringste aus einem machte, sie hatte immer noch ihren besten Freund Liam.
»Liam, du bist der Beste«, flüsterte sie, denn sie hatte die Rezeption beinahe erreicht. Adam stand mit dem Rücken zu ihr, und so war es Cem, der sie als Erstes erblickte. Beide Männer trugen Smokings und schauten geradezu verboten gut aus.
»Sie sind atemberaubend«, sagte Cem lächelnd und gab ihr einen dezenten Handkuss.
Adam wandte sich um und musterte sie wortlos. Er verzog keine Miene.
»Lass dich davon nicht beirren. Glaub mir, dem würde die Kinnlade runterbaumeln, wenn er nicht eine übermenschliche Selbstbeherrschung hätte«, tröstete Liam sie.
»Ja, klar«, murmelte Lea.
»Wie bitte?«, fragte Cem höflich.
»Ach, nichts«, sagte Lea rasch und ignorierte Adam, der sich noch immer in Schweigen hüllte. »Sollen wir?«
Cem warf Adam einen fragenden Blick zu, dann deutete er zur Eingangstüre. »Unser Wagen wartet schon.«
Lea folgte McLeod und Cem, aber sie hatte erst wenige Schritte gemacht, als sich plötzlich Adams Hand auf ihren nackten Rücken legte.
»Oh nein, kommt gar nicht in Frage!«, zischte er. »Lea, Teufel noch mal, was soll das?«
Lea ging weiter, war allerdings froh, dass sich die anderen beiden noch nicht nach ihnen umgedreht hatten.
»Was meinst du?«, zischte sie. Zornig versuchte sie seine Hand loszuwerden, aber die klebte förmlich an ihrem unteren Rücken.
»Dein ganzer Rücken ist nackt!«, zischte Adam zurück.
»Man kann praktisch deine Pospalte sehen!«
Beide erwiderten etwas verkniffen das freundliche Lächeln des Portiers im Kilt, der ihnen die Türe aufhielt.
Lea begriff nicht gleich, was Adam wollte - kein Wunder, denn Liam wieherte vor Lachen. Zwei Zentimeter neben ihrem Ohr.
»Du hast doch das Kleid gekauft!«, sagte sie empört.
Ein silberner Mercedes blieb genau vor ihnen am Bordsteinrand stehen. Cem ging um den Wagen herum und setzte sich auf den Beifahrersitz. McLeod sprang in den schwarzen Wagen, der ihnen folgen sollte.
Adam wollte gerade die Türe für Lea öffnen, als ihm klar wurde, dass er dann die Hand von ihrer Blöße würde nehmen müssen. »Himmel, Arsch!« Er fügte sich ins Unvermeidliche und hielt ihr ein wenig widerwillig die Wagentüre auf. »Ich hätte das verdammte Kleid bestimmt nicht gekauft, wenn ich gesehen hätte, dass der ganze Rücken fehlt!«
In Lea machte sich auf einmal ein warmes Gefühl breit.
Um es zu überdecken, setzte sie einen gelangweilten Blick auf.
»Hätte nie gedacht, dass du so prüde bist, aber bei einem hundertdreißig Jahre alten Herzog braucht einen das wohl nicht zu wundern ...«
Sie verabschiedete sich kurz von Liam, der immer noch lachte, und ließ sich zufrieden in den schwarzen Ledersitz sinken.
Vielleicht war das Leben ja doch nicht so schlecht.